Von den Eichelperlaggen zum Schell=Bell

Hinweise von 1848



Innsbrucker Nachrichten


Im Beitrag über das Tiroler Nationalspiel aus 1853 werden wir sehen, dass das Perlaggen aus dem Giltspiel entstand, und aus der Erfindung der Perlaggen seine Durchsetzungskraft erhielt.
"Das Geburtsjahr des Perlagg können wir nicht mit Bestimmtheit angeben; nur so viel ist gewiß, daß er ein Produkt der Neuzeit und nicht viel länger als zwanzig Jahre (also ca. 1833) und etwas darüber bekannt ist. Zuerst gab es nur E(sic!)inen Perlagg, den Eichel-Siebener; später wurde diese Würde auch auf den Eichel-Ober und Unter ausgedehnt..." Ein Beitrag aus den Innsbrucker Nachrichten legt jedoch nahe, dass innerhalb kürzester Zeit weitere Perlaggen dazukamen. Wir wissen, dass beim Kritisch Watten Herz König, Welli, Schell=Siebener und Eichel=Siebener verwendet wurden, aber 1848 war der höchste Perlagg der Schell=Siebener:

(Innsbrucker Nachrichten, 5. Jahrgang vom 15.02.1858, S. 203)

Das "Wiener Neuigkeitsblatt" entnimmt den hier erschienenen "Monats-Blättern" des Herrn Ritter v. Alpenburg Folgendes: "Die Tiroler haben ein merkwürdiges Bauernspiel, welches sonst nirgends vorkommt; es wird mit deutschen Karten zu vier Personen gespielt und Perlagg genannt. Es erfordert so viel Verstand, Berechnung und Kniffe, daß man oft staunt, wie ein simpel scheinender Mensch so viel Talent entwickeln könne, um den Gegner zu überwinden. Verschiedene Blätter gelten als höchste Trümpfe, oder können zu jeder beliebigen Karte des Spiels verändert werden und heißen Perlagg; sie werden immer sehr laut aufgerufen und ausgeschrieen. Von diesen ist der Vornehme der Schell=Siebener, gewöhnlich Schellbell genannt. Im Winter 1848 auf 1849 konnte man allenthalben beim Perlaggspiel "Radetzky" hören. Wenn man sich erkundigte, wurde der Bescheid gegeben, daß die Perlaggspieler ihre Hauptkarte, den "Schellbell" nun "Radetzky" genannt hätten, weil der alte Feldherr alles auf Knall und Fall gewänne, und noch besser als der Schellbell. Die Absetzung des mächtigen Schellbells fand nach und nach überall statt. So unschienbar dieser Volkszug ist, so liegt darin ein Beweis, wie sehr der Name Radetzky im Tirolerlande in Fleisch und Blut übergegangen ist."


aus: Innsbrucker Nachrichten, 5. Jahrgang,15.02.1858, S 203 nach Johann Nepomuik Mahlschedl, Ritter von Alpenburg (Präsident des Radetzkyvereines, der 1848 zum Schutz durchziehender Invalider gegründet wurde)

Die unheimlich schnelle Entwicklung des Perlaggens aus dem Gilt=spiel lief also in wenigen Jahrzehnten ab. Es blieben die fünf Karten und drei Figuren, aber dazu kamen zuerst der Eichel=Siebener, dann die anderen Eichelperlaggen - und die blieben nur im Oberland erhalten.
Es bleibt also festzuhalten, dass das Perlaggen sich aus dem Giltspiel dadurch entwickelte, dass zuerst der Eichel=Siebener als Joker hinzugefügt wurde, und sein wunderliches Verwandeln in alle Karten als teuflische Eigenschaft identifiziert wurde. Die angeblichen Erfinder im Pfau in der Bindergasse zu Bozen spielten mit 3 Eichelperlaggen.
Der Schell Siebener kam vor dem Welli dazu; und ist ein italienischer Beitrag. Die Kartenfarben in Italien und Welschtirol sind nämlich nicht wie im Norden Herz, Laub, Eichel und Schell, sondern Belli, Im Gioco dell' bellone sind die runden Farbbilder Münzen, die immer schöner verziert waren, als die anderen Farben und dann Belli, die Schönen genannt wurden. Während aber in Bozen noch um 1840 Schell-Sechser gedruckt wurden, gab es in Innsbruck bereits den Welli.
Schell=Sechser aus 1840
Auch der in Karter- und Pagatkreisen hoch geehrte Blaas berichtet, dass zuerst der Schell=Siebener (Schellspitz) dazukam, der heute noch im Osten und Süden der 3.-höchste Perlagg ist, sich aber in Imst nie durchsetzen konnte. Hier kann Eichel nicht Trumpf sein, und die Zahl der Perlaggen wurde erst je nach Trumpffarbe unterschiedlich, als der Herz=König als Perlagg gekrönt wurde.
Gespielt wurde mit den Karten nach dem Salzburger Blatt. Erst im 20. Jahrhundert wurden die eingeführt. Diese sind sogenannte Doppeldeutsche, die 2 Halbbilder tragen, sodaß man die Karten nach dem Mischen und Geben nicht in der Hand umdrehen muß. Die ersten mir bekannten Doppelbilder verwendete der Kartendrucker Johann Albrecht aus Innsbruck im Jahre 1790 (Tiroler Jagdtarock).
Wie oben erwähnt, wurden in Deutschland Eichel, Herz (oder Rot), Schelle und Laub (da und dort auch Grün genannt oder Gras); man bezeichnet also Spielkarten, die diese vier Farben haben, als „deutsche“ oder „Eichelkarten“. Gab es im 13. Jahrhundert noch keine Farben, so folgten bald Spielkarten mit 3-5 Farben. Vier Farben haben sich durchgesetzt, und werden als symbolisch für die Jahreszeiten gehalten - so tragen auch die Daußen der Tell-Kerten die vier Jahreszeiten.
In der Schweiz gibt es statt Herz und Laub Schild und Rose, (Schweizer- oder Schildkarten). In Frankreich gibt es Coeur, Carreau, Pique und Treffle (Herz, Eckstein, Schippe und Kreuz ofer TReff) und in Italien und Spanien sind es eben Coppa (Becher), Denaro (Münze), Spada (Degen, Schwert) und Bastone (Stock). Diese Trappolierkarten wurden auch in Deutschland früher viel gespielt, und die französischen Bilder verwendet man in Canasta und vielen Kinderspielen, wie Rommé.
Die einzelnen Karten heißen eigentlich nicht Karten, sondern Brief - das wird aber hier nicht mehr verwendet.
Die Kartenhöhen sind ein weiteres Problemfeld. Wer die geschichtlichen Regelwerke aufmerksam gelesen hat, dem wird aufgefallen sein, dass die As (die eigentlich deine 2, eine Daus, ist) als niederste Karte gilt, und als solche beim Abheben vorzieht, abwer im Stechen die höchste ist. In vielen Zählkartenspielen sind die Werte der Buben 2, der Damen 3 und der Könige 4; abeer in manchen Bildern geht es von der As , über 2, 3, 4, bis zur 10 und darüber folgen die "Hosen tragenden" Bildkarten oder Honeurs:
Zahlwertdeutschfranzösisch italienisch
2Unter, BubeValetFant
3OberDameCavall
4KönigRoiRe
1AsDaus

Tja, In der Zeit von 1858 bis 1890 entwickelte sich der Gebrauch der Perlaggen von Ort zu Ort verschieden. In Südtirol verwendete man 4 Perlaggen (Herz König, Welli, Schellspitz, Eichelspitz), im Oberland die drei Eichelperlaggen, und später wohl auch Herz König und Weli, sowie die 3 Trumpfperlaggen, und in Innsbruck spielte man mit Herz König, Weli, Schellspitz und Eichelspitz und den verbleibenden Trumpfperlaggen (bei Schell als Trumpf gab es die ständigen und Schell Unter und Ober (6), aber einen Trumpf weniger, bei Eichel Ober und Unter (6) und einen Trumpf weniger; bei Herz die 4 ständigen Perlaggen und drei Trumpfperlaggen, aber mit dem Herz König einen Trumpf weniger, und bei Laub 7 Perlaggen und 5 Trümpfe ...) - und noch heute betrachten sich die Oberländer als die treuseten Bewahrer der (Gilt-)geschichte, die dem Neuen aber nicht abgeneigt sind, und so die variantenreichste und spannendste, wenn auch schwierigste Variante bewahrt haben.